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Für Überraschungen war der Lisboeta schon immer gut. Am Tag der
Nelkenrevolution geboren, als Ballkünstler in der Jugend neben Luis Figo
gespielt, mit 23 schon einer der besten Latin-Gitarristen der Welt. So
verblüffend disparat lesen sich die ersten Karriereschritte. Doch Joel
begnügte sich nicht damit, als virtuoser Partner von Larry Coryell, Bireli
Lagrene oder Tomatito Bühnen in den USA, Havanna oder Barcelona zu teilen.
Vor vier Jahren definierte er sich völlig neu, sprich akustisch. Richard
Gallianos New Musette hat ihn zur Erfindung einer musikalischen Sprache
angeregt, die Jazz und Fado in intimen Besetzungen verknüpft, daraus ein
neues portugiesisches Idiom schöpft. Es ist dieser Geist, aus dem die
Kompoisitionen seiner letztenDuo CD mit dem Bass Veteran Ron Carter
geboren wurden.
"Als ich die letzten Takte komponierte, fiel mir wie ein Blitz der Name Ron
Carter ein. Sein Bass und kein anderer würde zur Stimmung dieser Songs
passen", so Xavier. "Songs", nicht "Stücke" wohlgemerkt. Denn Xavier ist ein
"Sänger" durch und durch. Man meint, die weit ausschwingende Wehmut eines
Fadista zu hören, wenn er zu einem Thema ansetzt. Niemals würde er es - ganz
anders als die meisten Kollegen seiner Generation - gleich durch
Improvisation trüben wollen. Die Melodie - und anschließend die Virtuosität,
so seine ganz "altmodische" Maxime.
Nun mag es etwas vermessen sein, ausgerechnet den "besten Bassisten der
Welt" anzurufen, um ihn als Gast für eine Einspielung zu gewinnen. Doch dass
er auf der anderen Seite des Atlantiks einen ebensolchen "Sänger" als
Seelenverwandten besitzt, davon ist Xavier überzeugt. Rhythmus, Swing und
eben auch Melodie - Carters Spiel vereinigt alle Tugenden. Natürlich ist er
vertraut mit der Duo-Arbeit, man denke nur an seine Meisterwerke mit Jim
Hall aus den Siebzigern. Und den Pulsschlag der Música Latina, auch in dem
schwingt sein Viersaiter seit langem: Die Alben mit Jobim, Airto Moreira und
Hermeto Pascoal, sie sind Legende. Dann ist die Überraschung perfekt: Der
Grandseigneur der tiefen Töne sagt einer Session zu. Lässt sich das Material
schicken, empfängt den Lusitanier in einem New Yorker Studio. Momente später
entspinnt sich ein wundervoller, dreistündiger Dialog. "Ron behandelte mich
trotz des Alterunterschiedes als völlig ebenbürtig. Erst dachte ich daran,
eine zweite Gitarrenspur hinzuzufügen. Doch dann merkte ich, was für eine
intime Atmosphäre während unseres Spiels entstand, wie viel Raum sich
öffnete. Ron war sehr herzlich, wir lachten viel über musikalische Scherze -
und sind seitdem dicke Freunde."
Und so können wir Ohrenzeuge werden, wie Xaviers Neo-Fado sich in
wechselnden kantablen Nuancen mit dem souverän federnden, auch mal swingend
hervortretenden Fundament Carters verbündet. Wie in "Moments", wo sich das
leise, volksverbundene Pathos der Gitarre mit dem munter glissandierenden
Intermezzo Carters verschränkt. Die Saudade mit ihrem bittersüßen
Moll-Dur-Wechsel durchweht "Maria", nostalgische Memoiren eines Exilanten in
der Neuen Welt. Und in "Destiny" löst sich das klagende Thema in eine vital
swingende Improvisations-Kadenz. Besiegelt ist die transatlantische
Bruderschaft, die portugiesische Seele fest im Jazz-Herzen Amerikas
verankert. Solche Klänge haben die Wasser des Hudson noch nicht gehört.