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Julia Hülsmann Trio

Julia Hülsmann p
Marc Muellbauer double-bass
Heinrich Köbberling dr

Julia Hülsmann Trio
The End Of A Summer

ECM 2079

Gute Einfälle melden sich selten an. Manchmal sind sie ganz plötzlich da,
zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Schwer zu sagen im Nachhinein, was
zuerst war – der flüchtige Blick nachmittags aus dem Fenster, hinunter in
den Berliner Hinterhof, wo der kleine Lenny spielte. Die Wehmut, dass der
gerade noch so junge Sommer eigentlich schon wieder vorbei ist. Oder dieses
Hell-Dunkel zwischen zwei verwandten Akkorden, ein Pendeln von so stoischer
Regelmäßigkeit, als werde damit die verrinnende Zeit gemessen. Beinahe
lapidar fasst Julia Hülsmann die heitere Trauer des Spätsommers in Töne –
und bereitet solcherart den Boden für ein traumwandlerisches Interplay mit
Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Koebberling.

„The End of a Summer“ heißt das Titelstück der neuen CD des Julia
Hülsmann-Trios; es ist ein gutes Beispiel für den liedhaft reduzierten Stil
der Gruppe, die in der Zusammenarbeit mit Rebekka Bakken und Roger Cicero zu
einer der populärsten Jazz-Formationen in Deutschland geworden ist. Die
poetische Leichtigkeit von Hülsmanns Lyrik-Vertonungen erscheint auf „The
End of a Summer“ ins Instrumentale zurückgenommen – oder vielmehr
kondensiert: Schließlich teilt sich Atmosphärisches in den durchsichtigen
Texturen dieser „Lieder ohne Worte“ umso intensiver mit. Als reines Trio
sind die Drei bisher noch wenig hervorgetreten. Einige Jahre lang haben sie
ihr Repertoire gesammelt und gesiebt, geschliffen und poliert, um jetzt ein
Statement abzugeben, das ihnen auch international einige Aufmerksamkeit
sichern sollte. Sechs prägnanten Stücken von Hülsmann stehen auf dem neuen
Album nicht weniger eigenwillige Kompositionen ihrer beiden Kollegen
gegenüber, dazu eine raffinierte Cover-Version von Seals „Kiss from a Rose“.
Gemeinsam ist ihnen der Verzicht auf alles Ornamentale, vordergründig
Virtuose. Mitunter grüßt von Ferne die Lakonik Carla Bleys.

1997 in Berlin gegründet, brachte das Trio 2000 ein (vergriffenes)
Debütalbum bei einem Kleinstlabel heraus. Seit 2002 spielt es in
unveränderter Besetzung. „Dass jeder Abend unterschiedlich abläuft, ist im
Jazz nichts Außergewöhnliches, aber mit Julia und Marc ist jeder Gig
wirklich komplett anders“, sagt Heinrich Koebberling, und Marc Muellbauer
ergänzt: „Unsere Musik wächst aus dem Spielen heraus, weniger aus einem
geschlossenen Konzept. Dabei hat sich im Laufe der Zeit eine Sprache
entwickelt, die uns viel Freiheit gibt und unseren Temperamenten genau
entspricht.“ Unabhängig voneinander fanden die drei über Vorbilder wie Bill
Evans, Keith Jarrett, Ahmad Jamal oder Kenny Wheeler einst zum Jazz.

Und noch heute hören sie ausgiebig Musik zusammen. Wobei auf längeren
Fahrten öfters auch mal House und Elektronik im CD-Player liegt.

„Wie viele Musiker unserer Generation wurden wir besonders von ECM und
seiner Ästhetik geprägt. Die Aufnahme mit Manfred Eicher im Osloer Rainbow
Studio war für uns alle wie die Erfüllung eines Jugendtraums“, sagt Julia
Hülsmann. Die Transparenz der dort entstandenen Musik ist für Heinrich
Köbberling auch auf die besondere Atmosphäre im Studio zurückzuführen. „Da
war viel gegenseitiges Vertrauen zu spüren. Und was wir aus den Headphones
hörten, klang so gut, dass die Versuchung, mehr zu spielen und vermeintliche
Lücken zu füllen, gar nicht erst aufkam. So pur und reduziert hatten wir das
noch nie probiert.“ Wobei Reduktion beileibe kein Selbstzweck ist: Die
Kompositionen schaffen in sich homogene lyrische Stimmungen, die
Improvisationen lehnen sich eng an die Songstruktur an. So öffnen sich
Räume, in denen der einzelne Ton leuchten kann.

Gewiss, Julia Hülsmann ist wichtigste Komponistin und Hauptgestalterin des
Trios. Doch sobald sie spielen, sind drei gleichrangige Musiker am Werk,
alle drei entspannt, offen, konzentriert. Und musikalisch vollkommen
souverän: Dass manche Stücke relativ einfache Materialien erforschen und
beleuchten, wird uns Hörern gar nicht bewusst. „Kunst ist schön, macht aber
viel Arbeit“, wusste bekanntlich Karl Valentin. Recht hatte er: Schließlich
kommen ja längst nicht alle Einfälle spontan am Nachmittag. Manche muss man
lange hegen und nähren bis sie, schon völlig ausgereift, auf die Welt
kommen. Um anschließend umso ausdauernder im Gedächtnis haften zu bleiben…