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Paolo Fresu

 

Was in Deutschland die Blaskapelle, ist in Italien die Banda. Diese beliebten Laienorchester haben schon im vergangenen Jahrhundert dazu beigetragen, dass aus den Melodien großer Komponisten die Gassenhauer des Volkes wurden. Obwohl sie zeitweilig mit der Verbreitung des Radios in Vergessenheit zu geraten drohten, sind sie bis heute ein Hort der traditionellen Popularkultur und außerdem ein erstes Sammelbecken für musikalische Talente. So beginnt auch Paolo Fresus Geschichte in einem dieser Blechblasorchester. Denn der 38jährige Trompeter aus dem Städtchen Berchidda im Norden Sardiniens spielte bereits in jungen Jahren in der kommunalen Kapelle seines Heimatortes.

Die profunde Leidenschaft für sein Instrument entflammte jedoch erst, als Fresu näher mit der Musik von Miles Davis und dessen Zeitgenossen in Berührung kam. Er begann am Konservatorium von Sassari studieren. Und er hatte Glück, denn der Kontrabassist und einflussreiche Veteran der italienischen Jazz-Szene Bruno Tommaso wurde auf ihn aufmerksam. 1982 holte er den talentierten Newcomer in sein Orchester. Fresu bekam die Möglichkeit, in einem der renommiertesten Ensembles seines Landes Erfahrungen zu sammeln, studierte außerdem an der Universität von Bologna und verfeinerte seine Klangsprache als Schüler des Trompeters Enrico Rava. So konnte er bald als Dozent nach Sassari zurückkehren und 1985 sein erstes Album „Ostinato“ unter eigenem Namen veröffentlichen.

Von da an ging es bergauf. Im folgenden Jahr nahm er zusammen mit Dave Liebman „Inner Voices“ auf, eine Platte, die ihm erste internationale Anerkennung verschaffte. Mit Tino Tracanna (sax), Roberto Cipelli (p), Attilio Zanchi und Ettore Fioravanti (dr) gründete er sein Quintett, das ihn auf zahlreichen einheimischen Festivals als Künstler und Bandleader etablierte. 1986 reiste er mit Tommaso durch die USA, im Jahr darauf arbeitete er in England mit dem Filmkomponisten Michael Nyman. Außerdem vernetzte er sich mit der lebhaften Musik-Szene im benachbarten Frankreich.

Das Paolo Fresu Project brachte ihn eng mit Furio Di Castri (b) und Aldo Romano (dr) zusammen, die ihm in den kommenden Jahren häufig als künstlerische Partner zu Seite stehen sollten. Denn mit Di Castri entwickelte Fresu ein hervorragendes Duo, das er zuweilen durch den eigenwilligen römischen Akkordeonvirtuosen Antonello Salis erweiterte. Und mit Romano Combos Quartette Italien und Palatino feierte er in den neunziger Jahren beachtliche Erfolge. So entwickelte Fresu sich Schritt für Schritt vom Geheimtip zum Star der Szene, der von seinem ´98er Debut-Album für die BMG France / RCA Victor „Angel“ immerhin mehr als 10 000 Exemplare an den Mann brachte. Das hat seinen Grund nicht nur im künstlerischen Werdegang, sondern auch in der ästhetischen Qualität der Musik. Denn Fresu entwickelte einen kraftvoll transparenten Ton, der ihn souverän durch hardbopping schnelle Passagen geleitet wie auch in balladenhaften Momenten zum lyrischen Feingeist werden lässt. Die Grundlage seines ausgeprägten Individualstils sind die Errungenschaften des späten Miles Davis, auf dessen Kunst, effektvoll mit spannungsgliedernden Elementen wie Pausen, markanten Leittönen und dynamischen rhythmischen Kontrasten umzugehen, Fresu seine persönliche Klangsprache aufbaut.

Mit „Metamorphosi“ greift er nun auf die bewährte Besetzung von „Angel“ zurück und fügt ihr zuweilen atmoshärische Ornate von Antonello Salis‘ Akkordeon hinzu (Nympheas). Sensibel kombiniert er die klanglichen Inventarien zu einem ausgewogen perfekten Höreindruck. Retardierende Momente wie Claudio Monteverdis Si Dolce é il Tormento und Camille Saint-Saens Adagio stehen hardbopinspirierten Komositionen (Giravolta) oder free rockigen Stilausflügen (The Open Trio) gegenüber. Fresu nutzt gezielt den kreativen Gegensatz der herben Soundvorstellungen des franco-vietnamesischen Gitarristen Nguyen Le und seiner eigenen klar phrasierten Trompetenlinien.Sie ergänzen sich mit Furio Di Castris Kontrabass und Roberto Gattos Schlagzeug zum inspiriert balancierten Klangensemble, zeitlos elegant und zugleich zeitgemäß rasant.



Sonos 'E Memoria - Music directed by Paolo Fresu -
Original Soundtrack from the film from Gianfranco Cabiddu

Besetzung: Paolo Fresu (trumpet & fluegelhorn), Furio di Castri (bass, multieffects), Elena Ledda (vocals) Luigi Lai (launeddas) Mauro Palmas (mandola), Antonello Salis (accordion), Federico Sanesi (percussion), Carlo Cabiddu (violoncello) Coro "Su Concordu 'e su Rosariu" di Santulussurgiu (Voices): Mario Corona (sa contra), Giovanni Ardu (su bassu), Antonio Migheli (sa 'oghe), Roberto Iriu (su contraltu)

Sardinien wird immer noch eher mit dem Bandenunwesen von dereinst als mit innovativer oder auch nur interessanter Musik in Verbindung gebracht. Dabei hat die Mittelmeerinsel sehr viel mehr zu bieten als "nur" den polyphonen Gesang der Tenores. Die Musik Sardiniens hat mit den Launeddas eines der ältesten Instrumente Europas aufzubieten, das sich im Laufe der letzten 2000 Jahre kaum verändert hat. Noch immer wirft die Kultur der Insel Rätsel auf, die sardische Sprache mit ihren drei grundverschiedenen Dialekten (die Sarden reden gar von drei verschiedenen Sprachen) unterscheidet sich grundlegend vom Italienischen und im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Sardinien zu einer Schnittstelle zwischen Europa und Nordafrika, zwischen dem westlichen und östlichen Mittelmeer. Aber musikalisch ist die Insel mit der reichen (und oftmals fast in Vergessenheit geratenen) Kultur ein nahezu unbeschriebenes Blatt.

"Ich hatte die Musik nicht vergessen, aber es gab noch keine wirklich gute moderne Version davon, die nicht ins Klischee verfällt oder glättet. Ich wollte sowohl der reichen Tradition gerecht werden als auch die Modernität unserer Musik aufzeigen", sagt Paolo Fresu zu diesem Projekt. Es ist keine fiktive Folklore, kein Jazz, keine Klassik, keine traditionelle oder Weltmusik - es ist einfach sardische Musik von sardischen Musikern.

Entstanden ist die Idee durch die Arbeit des in Rom lebenden Regisseurs Gianfranco Cabbidu. Als er vor etwa 8 Jahren für die Vorbereitung seines Films "Die Kinder Bakunins" nach altem Filmmaterial recherchierte, wurde er bald fündig und war überrascht von der Fülle des Materials aus den 30er bis 50er Jahren, die eine auch für ihn als Sarden nahezu vergessene Welt widerspiegelten. Liebevoll restaurierte er dieses Material und bald schon hatte sich die Idee entwickelt, es auch zu einer Art Dokumentation zusammenzufassen. Und was lag näher, als diese Aufnahmen aus der Zeit des Stummfilms wie früher auch durch Musiker live auf der Bühne begleiten zu lassen? Die Idee, einen Musiker wie Paolo Fresu mit dieser Aufgabe zu bedenken, war für den früheren Hobbyjazzer Cabiddu nur eine logische. Die Basis für "Sonos e memoria - Klänge und Erinnerungen" war gelegt.

"In der Musik wollte ich nicht die traditionelle Seite Sardiniens zeigen. Diese zeigen die Bilder. Ich wollte dem nachspüren, was von der traditionellen Musik noch heute aktuell und relevant ist. Wir zeigen, was sich aus der Tradition bis heute entwickelt hat." (Paolo Fresu) Wie vielfältig diese Musik ist, zeigt der erste Teil des Projektes, in dem die beteiligten Musiker einzeln ihre Sicht auf die sardische Musik darstellen. Elena Ledda, die ungekrönte Königin der sardischen Folkmusik, eröffnet diesen Teil mit ihrer Gruppe Sonos. In der Weltmusikszene ist sie eine konstante Größe und nicht nur, weil sie als einzige Frau den typischen (und den Männern vorbehaltenen) Canto a tenores beherrscht, den polyphonen Gesang Sardiniens. Seit rund 15 Jahren, seit dem Treffen mit der Gruppe Sonos um Mauro Palmas, bemüht sie sich um eine zeitgemäße Interpretation der sardischen traditionellen Musik. Der Akkordeonist Antonello Salis dagegen ging andere Wege. Er machte sich an der Seite von Musikern wie Richard Galliano einen exzellenten Namen und Kollegen wie Paolo Fresu schwärmen, er könne einfach alles spielen ob nun Tango, Klassik, Jazz oder traditionelle Musik.

Der Chor "Su concurdu 'e su Rosariu" aus Santulussurgiu dagegen kommt nur zu Feierlichkeiten und zu anderen Auftritten zusammen, gehen die Sänger doch ansonsten ihren normalen (nicht-musikalischen!) Berufen nach. Und dann natürlich Paolo Fresu, in Paris lebender (sardischer) Trompeter. Er, der sich als einer der wenigen italienischen Jazzer in der ersten Liga des Jazz etablieren konnte, ist in seiner stilistischen Vielfältigkeit kaum zu fassen. Wenn ihn etwas kennzeichent, dann nur die ständige Suche nach neuem Terrain. Langsam und fast unmerklich fügen sich die ersten Teile zusammen, verschmelzen die musikalischen Visionen, bis dann das Licht im Saal ausgeht und auf der Bildfläche der Film zu sehen ist. Bilder von der Arbeit in den Kohlebergwerken Sardiniens, die Arbeit auf dem Feld, die vor knapp hundert Jahren sich kaum von der Verrichtung vor zwei, drei oder mehr Jahrhunderten unterschieden haben dürfte, die Feste im Dorf, die Jagd, das Pferderennen und zum Schluß der neugierige Blick einiger junger Mädchen in die Kamera - ein Blick voller Unschuld, voller Neugier auf die Zeiten, die da kommen sollen. Ein Blick auf eine bis dahin noch weitgehend unbekannte Technik, die das gerade auf Zelluloid gebannte Leben bald grundlegend verändern wird. Die Musik greift diesen Faden auf, spinnt ihn weiter und schafft die Verbindung zwischen der Vergangenheit und dem Heute - weit fernab jeglicher Nostalgie.

Davon zeugt auch der große internationale Erfolg, auf den das Projekt schon verweisen kann. Auftritte brachten die Musiker nicht nur durch halb Italien, Frankreich und Spanien, sondern auch bis nach Argentinien und Brasilien. Gelegentlich werden sie dabei auch von Gästen wie z.B. Nguyen Le unterstützt. Und obwohl dieses sicherlich einmalige Projekt schon seit ca. 6 Jahren immer wieder zur Aufführung kommt, so ist doch beinahe jeder Auftritt eine neue Premiere, eine neues Fest der Musik und auch der Wiedersehensfreude, denn außerhalb der gemeinsamen Auftritte sehen sich die Musiker kaum. So ist dieses Album auch ein Zeugnis eines seltenen Momentes, den die Musiker auf der Bühne mit ihrem Publikum teilen, ein Zeugnis auch einer lebendigen Kultur, die auf dem Weg in das gemeinsame Europa nach ihren ureigenen kulturellen Wurzeln weit abseits ausgetretener musikalischer Pfade im Heute sucht.



actual projects:

Paolo Fresu Devil Quartet
Paolo Fresu tp; Bebo Ferra git; Paolino Dalla Porta b; Stefano Bagnoli dr

TRIO PAF
Fresu - Salis - di Castri

Paolo Fresu & "Sonos ´e Memoria"
Music & original Soundtrack from the Film of Gianfranco Cabiddu
music with film performance & band & choir from Sardegna





actual record companies BMG
and ACT Paolo Fresu can be booked by


Concertbüro Uli Fild in Germany, Switzerland and Austria