| deutsch | english Silvana Deluigi |
![]() |
Wenn man wie Silvana Deluigi in Buenos Aires geboren und mit großem musikalischem Talent beschenkt ist, hat man Tango vielleicht im Blut, aber nicht unbedingt im Sinn. Wer möchte schon seine Karriere mit einer vermeintlich gestrigen Musik beginnen, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde?
Folglich studierte Silvana am Konservatorium von Buenos Aires klassischen Gesang und debütierte als Mezzosopran in den Hauptrollen der Musicals West Side Story (1979, Teatro Presidente Alvear) sowie Romeo y Julieta (1981, Teatro Coliseo). Den Tango entdeckte sie erst nach ihrem Umzug nach Paris Mitte der achtziger Jahre für sich, von Anfang an mit dem Wunsch, die dunklen, noch unerforschten Seiten dieser geheimnisvollen Musik zu endecken, jenseits touristischem Klischee und Folklore-Brauchtum. Ihre erste Show hiess deshalb auch Blue Tango, ihre erste CD 1989 Tanguera (Wergo) war Soundtrack eines gleichnamigen Films für den Fernsehkanal Arte, in dem sie einerseits die musikalischen Grenzen des Genre unter Mithilfe von jazzerprobten Musikern wie Tomás Gubitsch, Jean-Paul Celea oder Juan Jose Mosalini erweiterte und sich andererseits erstmalig auf einen lange verkannten Aspekt des als Reich des Machismo verpönten Tango konzentrierte: die Rolle der Frau.
Nie hat Silvana Tango als Museumsstück betrachtet, das es zu entstauben gilt. Stattdessen sucht sie nach immer neuen musikalischen und inhaltlichen Facetten. Um so wichtiger war für sie die Zusammenarbeit mit Luis di Matteo, einem der grossen Meister des Bandoneon und zugleich einem der wenigen Virtuosen, die in ihren Konzerten bereit sind, sich systematisch von den Fesseln der geschriebenen Partitur zu lösen. Seine Kompositionen sind eine ständige Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten des für Tango emblematischen Instruments. Luis di Matteo nahm die Herausforung an, zusammen mit Silvana auch das klassische Tangolied zu erneuern. Ergebnis war eine CD mit dem schlichten Namen Tangos, die komplettiert wurde durch Silvanas Duos mit Jazzmusikern wie dem Saxophonisten Ulrich Lask, dem Bassisten Jean-Paul Celea oder Osvaldo Calo am Piano.
1999 folgte Loca (Inakustik), bis heute einer der erfolgreichsten CDs der jüngeren Tango-Geschichte, welche Silvanas Ruf als «Beste Tangosängerin ihrer Generation» (Kip Hanrahan) festigte. Vertraute Tangoklassiker in neuen, jazzigen Arrangements wechselten ab mit Überraschungen, etwa einer Tangoversion des Brecht/Weill Songs vom Surabaya Johnny. Auf Loca spielen neben Juan Jose Mosalini und Marcelo Nisinman unter anderen bekannte Jazzer wie Renaud Garcia Fons oder Jean-Louis Matinier. Auf die CD folgten mehrere internationale Tourneen und Sonderkonzerte, etwa in Frankfurts Alter Oper oder der Kölner Philharmonie.
Zwei Jahre später nahm Silvana in Salzau Live auf mit dem Quintett des Geigen-Virtuosen Daniel Zisman. Im selben Jahr 2001 sang sie in der Oper Bern die Titelrolle in einer Neuinszenierung von Astor Piazzollas Oper Maria de Buenos Aires und begann in Paris, New York und Buenos Aires die ersten Studioaufnahmen für ihre nächste CD Yo, einer Produktion des New Yorkers Kip Hanrahan, der u.a. die legendären letzten LP's von Astor Piazzolla verantwortet hatte.
Silvana hatte bereits an mehren Produktionen Hanrahans mitgewirkt, etwa A Thousand and a Night, wo sie Hanrahans eigene Kompositionen sang. Für Yo beschlossen beide, Silvana solle eine sehr persönliche Auswahl ihr wichtiger klassischer Tangos, die es zu «dekonstruieren» galt, auswählen, aber auch Musik aus anderen Ländern, etwa zwei Lieder aus Brasilien. Die meisten Arrangements von der Basslegende Steve Swallow geschrieben, der neben Renaud Garcia Fons, Alfredo Triff, Andy Gonzalez, Gustavo Beytelmann oder Robby Ameen spielt. Zusätzlich bereichert wird die CD von einigen Stücken, die Silvana zusammen mit dem letzten Piazzolla Quartett um Horacio Malvicino, Fernando Suarez Paz und Pablo Ziegler einspielte.
Yo kam 2003 in Japan und 2004 bei Enja in Europa heraus. Mehrere Tourneen und Jazzfestivals folgten, etwa in Paris (Banlieues Bleues) oder Kopenhagen. 2006 nahm Silvana zusammen mit Portugals Fado-Star Cristina Branco für das französische Fernsehen die Sendung Latinas auf und gastierte in San Francisco in der Produktion Leading Ladies of Tango. Nach vielen Konzerten mit verschiedenen Formationen tourte sie 2009 erstmalig durch Japan. Im Mai 2010 trat sie zusammen mit dem Züricher Kammer Orchester auf, im Spätsommer desselben Jahres wurde sie mit einer konzertanten Aufführung von Maria de Buenos Aires zum Festival Saint Prex bei Lausanne eingeladen.
Aktuelle Projekte
Duo mit Juanjo Mosalini (Bandoneon)
Elektro-akustisches Trio mit Juanjo Msalini und Olivier Sens (Kontrabass und Computer)
Mit Marcelo Nisinman und dem Züricher Kammer Orchester
Plattenfirma
Inakustik
Enja